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Bigfoot

Di 6. Jan 2009, 21:37

Die dichte Wolkendecke riss auf und ließ das bleiche Licht des Vollmondes über die Ebene gleiten, tauchte die nachtdüstere Obstplantage in eine ungute Helligkeit. Rhhk stand unschlüssig am Waldrand.
Es war hell! Viel zu hell! Der Mond beleuchtete das Land wie ein riesiges weißes Feuer. Die Gefahr, gesehen zu werden, war einfach zu groß.
Doch Prl brauchte das Obst, denn er war krank und oben im Bergwald gab es um diese Jahreszeit kein Obst. Wenn der Kleine gesund werden sollte, brauchte er frische Äpfel. Äpfel von IHNEN, von den ANDEREN , jenen hektischen, zerstörerischen Wesen mit den komplizierten, singenden Stimmen.
Wenn es nur nicht so hell wäre!
Rhhk schaute zum Himmel hinauf und sah, dass eine dichte Wolkenbank in Kürze den Mond verdecken würde. Er beschloss, zu warten. Er kannte keine Ungeduld. Ungeduld war etwas für die ANDEREN, deren ganzes Dasein davon bestimmt wurde.
Wie Ameisen erfüllten sie die Täler und Ebenen mit hektischer, sinnloser Betriebsamkeit und besetzten auch die entferntesten Winkel des Landes. Sie überzogen die Erde mit toten, harten Wegen, auf denen sie mit brüllenden, stinkenden Ungeheuern mit Leuchtaugen dahinrasten. Sie flogen sogar mit kreischenden Metallvögeln durch die Luft. Ihre Lager, die bisweilen gigantische Ausmaße annahmen, verpesteten die Luft und vergifteten das Wasser der Flüsse. Rücksichtslos dröhnten die Maschinen der ANDEREN in die Wälder und fraßen sie kahl.
Rhhk konnte sie nicht verstehen. Wieso lebten sie nicht im Einklang mit der Natur wie er und seinesgleichen? Warum zerstörten sie ihren eigenen Lebensraum? SIE waren gefährlich, das lernte Rhhk bereits als Kind.
Er erinnerte sich, wie oft der Stamm damals das provisorische Lager verließ, alle Spuren hinter sich verwischte und bis zu den Hüften im Wasser eines Bach oder Flusslaufes wegwanderte, um den Nachstellungen der ANDEREN zu entgehen, die unvermeidlich einer Begegnung zwischen einem der ihren und einem ANDEREN erfolgten.
Einmal war Rhhk selbst einem ANDEREN begegnet, der im Bergwald neben einem Feuer schlief.
Rhhk schlich sich neugierig an, um den Fremdling zu betrachten. Er roch, dass der ANDERE eine ganze Menge von dem köstlichen braunen Zeug dabei hatte, das sie SCHOKOLADE nannten und machte sich leise darüber her. Es wäre alles gut gegangen, wenn Rhhk beim Rückzug nicht auf eine Hand des Schläfers getreten wäre, worauf dieser sofort erwachte.
Rhhk damals noch jung und unerfahren blieb neugierig stehen und beobachtete den ANDEREN. Vielleicht konnte man mit ihm reden?
Der ANDERE kramte aufgeregt in seinem Tragebeutel herum und förderte eine kleines Metallding mit glitzerndem Auge zutage, dass er vor sein Gesicht hielt. Plötzlich fing das Ding an, schrecklich grelle Blitze auszustoßen und Rhhk floh in wilder Panik.
Sein Stamm ergriff sofort die Flucht, als er davon erzählte und tatsächlich machten die ANDEREN einige Tage lang Jagd auf sie, wie üblich erfolglos. Seit dieser Zeit hielt Rhhk sich von ihnen fern.
Der Mond verschwand hinter den Wolken und Rhhk erwachte aus seinen Träumen. Er zögerte einen Moment und sicherte nach allen Seiten, wog das Risiko , entdeckt zu werden, gegen Prls Krankheit ab und verließ geduckt die Deckung der Bäume. Mit langen federnden Schritten begab er sich in die Obstplantage und pflückte die großen, reifen Äpfel in seinen hirschledernen Tragebeutel. Da er viel größer als die ANDEREN war, erreichte er die Früchte mühelos, wobei er darauf achtete, dass sein dichter brauner Pelz sich nicht in den Zweigen des Baumes verfing.
Der Tragebeutel war fast gefüllt, als der vierbeinige Wächter der ANDEREN seine Anwesenheit bemerkte und in lautes Kläffen ausbrach.
Rhhk erstarrte. Würden sie aufwachen und nachsehen, warum ihr Wächter bellte?
Zuerst schien es so, als ignorierten SIE den Wächter, doch dann erhellten sich die Öffnungen der künstlichen steinernen Wohnhöhle und ein halbes Dutzend ANDERE lief ins Freie. Aufgeregt starrten sie in die Dunkelheit.
Rhhk verhielt sich völlig ruhig. SIE würden ihn nicht entdecken, die Nacht schützte ihn.
Doch dann hörte er das jaulende Hecheln des Wächters. Die ANDEREN hatten ihn losgeschickt, um den Eindringling aufzuspüren. Zornig lauschte Rhhk auf die Geräusche des heranpreschenden, wolfsähnlichen Tieres.
Als der Wächter seiner gewahr wurde, begann er laut zu knurren und zu bellen. Schließlich sprang er Rhhk an. Darauf war Rhhk vorbereitet. Er brach dem Angreifer mit einer einzigen Handbewegung das Genick.
Ein Blitz zuckte zwischen den Bäumen auf, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerschlag.
Rhhk drehte sich um und hetzte mit langen Sätzen zum Wald. SIE hatten ihre donnernden Todesstöcke dabei! Er stürmte blindlings in die verfilzte, rettende Dunkelheit des dichten Waldes. Hinter sich hörte er das erregte Schnattern der ANDEREN, die die Verfolgung aufnahmen.
Sie ließen weitere Wächter los, doch Rhhk war viel schneller als sie. Er schlug einen verwirrenden Zickzackkurs ein, lief oft durch Bäche und schüttelte seine Verfolger schließlich ab. Dennoch ging er nicht auf direktem Weg zum Lager zurück, sondern machte einen großen Bogen, so dass er erst bei Morgengrauen bei seinem Stamm eintraf.
Die meisten schliefen noch. Rhhk weckte sie hastig und berichtete von seiner nächtlichen Begegnung. Dabei fütterte er Prl, dessen Zustand sich gebessert hatte, mit den Äpfeln aus der Ebene.
Ggt seine Frau schüttelte missmutig den Kopf. Sie mussten also wieder einmal fort! Schimpfend machte sie sich mit Vssk und Schflp daran, die wenigen Habseligkeiten des Stammes zusammenzupacken. Rhhk half den Männern, sämtliche Spuren, die auf die Existenz eines Lagers hindeuteten, zu verwischen.
Es dauerte nicht allzu lange. Noch vor Sonnenaufgang zogen sie los.
Rhhk trug Prl auf den Schultern. Der Stamm verließ den aufgegebenen Lagerplatz in Richtung Westen. Sie begaben sich zu dem seichten Fluß, aus dem sie täglich getrunken hatten und wanderten im Wasser seinen Lauf entlang nach Norden, weiter in die wilden Bergwälder hinein, die die ANDEREN die ROCKY MOUNTAINS nannten.
Fünf Stunden später die Sonne stand bereits hoch am Himmel erreichten sie den ersten Pass. Dahinter lagen die einsamen, schroffen Hochtäler mit den vielen Hirschen und Wildschweinen. Das Land der Beerenbüsche.
Während seine Stammesgenossen gemächlich weiterschritten, verhielt Rhhk für einen Moment und schaute nach unten zum Land der ANDEREN zurück.
Wenn sie nur nicht so aggressiv und zerstörerisch wären! Sie vernichteten ihre eigene Welt und sich selbst mit. Sie fühlten sich stark, doch sie waren schwach und fürchteten sogar die Dunkelheit. Sie konnten so harmlos wie Kinder sein aber auch bedenkenlos morden. Manchmal waren sie gutmütig, dann wieder unberechenbar und grausam.
Trotz allem verspürte Rhhk Neugierde und Zuneigung ihnen gegenüber. Wie gerne würde er einmal mit einem ANDEREN sprechen. Doch sie liefen schreiend davon, wenn man sie allein antraf und brachten danach viele von Ihresgleichen mit Todesstöcken mit, vor denen man fliehen musste.
Aber vielleicht eines fernen Tages ...
Rhhk warf einen letzten Blick zurück, dann trottete er seinem Stamm hinterdrein in die einsamen, wilden Bergwälder.
- E N D E -

Di 6. Jan 2009, 21:37

Re: Bigfoot

Do 8. Jan 2009, 09:26

Einen dicken grünen Punkt von mir, hat mir gut gefallen. LG Dublin
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