von Dublin
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Finnigans Wake - Teil 6

Mi 28. Jan 2009, 10:07

Noch am Abend bekam Kieran einen Anruf. Er erkannte die Stimme, obwohl der Anrufer sie so stark verstellte, dass er sich nur noch lächerlich anhörte, und das, was er sagte, konnte Kieran nicht ernst nehmen. Er hörte sich die wütende Attacke ruhig an, hatte dabei nur eine hysterisch schnatternde Ente vor Augen und legte wortlos auf. Es war einer aus dem Lager, von dem er nichts anderes erwartet hatte. er musste sich eingestehen, dass wieder die Zeit gekommen war, Moira nicht mehr ans Telefon zu lassen.
In Belfast hatte sie am Telefon immer erst ängstlich gehorcht, bis sie sicher war, dass es kein Drohanruf war und selbst dann war sie immer kurz angebunden und vorsichtig gewesen. Das hatte sich in Pettigoe gelegt und Kieran wollte ihr es nicht sagen, dass sie sich jetzt auch hier nicht mehr sicher fühlen konnte. Am liebsten hätte er das Telefon aus der Wand gerissen und behauptet, Paddy wäre es gewesen.
Moira hatte Paddy das Abendessen gebracht und danach Darren in die Wanne gesteckt, der sich mit Händen und Füßen wehrte und das Haus zusammenschrie. Er benahm sich wie ein zweijähriger. Kieran vermutete, dass er sich einfach nur allein waschen wollte und er hatte versucht, es Moira zu erklären, aber das wiegelte sie energisch ab.
„Hast du ’ne Ahnung, wie lange es dauert, wenn ich ihn allein herumplantschen lasse? Dann schwimmt das Bad, dass es unter der Tür durchläuft und sein Hals ist immer noch dreckig. Wenn du es schaffst, uns statt des hochgewellten Laminatbodens schöne Kacheln ins Bad zu legen, dann darf Darren baden bis er faltig wird.“
„Okay“, sagte Kieran daraufhin, „wenn du sein Gebrüll ertragen kannst.“
Wenn er wenigstens ganze Sätze schreien würde, dachte er, das wäre ein Anfang.

Shit Hall
Die Arbeit in Nidd Hall entwickelte sich zu einem echten Arschtritt, nachdem Pol vollkommen ahnungslos eines der Zimmermädchen angebaggert hatte. Die hatte ihm nicht verraten, dass sie praktisch verlobt war und seine Annäherungsversuche freundlich quittierte und so tat, als sei sie nicht abgeneigt.
„Ich bin doch nicht verliebt in sie“, sagte er zu Christy, „aber hast du ihren Hintern gesehen? Mann oh Mann.“
Leider gehörte dieser Hintern einem cholerischen Typen namens Jimmy, vollkommen ohne Humor, der sich Pol zur Brust nahm, nachdem sein Mädchen ihm von Pols Avancen erzählt hatte.
Sie prügelten sich nicht wirklich, denn Pol wehrte sich nicht. Als sich der Brocken auf ihn stürzte, während er noch damit beschäftigt war, den Zierrasen außerhalb der akkuraten Blumenbeete zu mähen. Sie wären von jemandem erwischt worden, hätte es an diesem frühen Vormittag nicht wie aus Kübeln geschüttet. Pol empfand diese Aufgabe, bei diesem Wetter den Rasen zu mähen, als reine Schikane, erwartete alles mögliche, aber keinen Kerl, der sich ohne Vorwarnung auf ihn stürzte. Er landete mit dem Gesicht im Gras und der herrenlose Rasenmäher sauste in ein Blumenbeet und pflügte eine Glatze in die Reihe der Feuerlilien.
Christy hatte ganz in der Nähe gearbeitet, warf seine Sachen beiseite, als er Pol zu Boden gehen sah. Er rannte quer über die Beete und durch frische Setzlinge, stürzte sich mit vollem Körpereinsatz auf Jimmy, der auf Pols Rücken kniete, und obwohl er nicht mal halb so viel wog wie der Mann, der die Ehre seiner Freundin verteidigte, konnte er ihn überwältigen und niederschlagen.
Pol hatte eine blutige Nase und einen ausgerenkten Zeigefinger, den er sich im Fallen umgeknickt hatte, aber diese Blessuren registrierte er gar nicht, weil er dachte, der tasmanische Teufel persönlich hätte sich auf seinen Angreifer gestürzt. Er hatte den Eindruck, dass Christy seine mangelnde Körpermasse durch Technik wettmachte, die er irgendwo gelernt haben musste - so was brachte man sich unmöglich selbst bei.
Jimmy vergaß nach dieser heftigen Attacke, weswegen er Pol eigentlich die blutige Nase verpasst hatte, er saß benommen auf dem Boden und fiel fast hintenüber, als er den Kopf schüttelte. Pol war schneller wieder bei sich, sah auf Jimmy hinunter, der ein halbherziges „Lass meine Freundin in Ruhe, du Bastard“ hören ließ, woraufhin Pol noch immer ein ahnungsloses Gesicht machte, weil er nicht wusste, um welches Mädchen es sich drehte.
Er wollte mit Jimmy reden, nahm ihm den Klopper auf die Nase nicht übel. Er wollte nur wissen, welches Mädchen er in Ruhe lassen sollte. Und ob er irgendwann so besoffen gewesen war, dass ihn eines der Mädchen wirklich rangelassen hatte und er sich nicht mehr dran erinnern konnte.
Christy zog ihn mit sich, ignorierte seine Proteste.
„Ich soll den blöden Rasen mähen“, sagte Pol stolpernd, „lass mich los.“
„Was glaubst du denn, was passiert, wenn einer von den Hotelleuten euch erwischt? Dann bist du den Job los. Jimmy wird kaum einem davon erzählen, also tun wir so, als wäre nichts passiert.“
Christy schüttelte ihn etwas.
„Ich frag mich, wie du überhaupt einen Job länger als drei Wochen behältst, wenn du so büffelig durch die Gegend läufst.“
Sie setzten sich im Gewächshaus zu den Salaten, pickten Schnecken ab, die den Weg hineingefunden hatten und ließen sie in einen Plastikeimer fallen.
„Ich hatte schon einige Jobs länger als drei Wochen.“
„Kam dir bestimmt nur so vor.“
Pol warf eine Nacktschnecke nach ihm und ihre Schneckenschlacht artete nur deshalb nicht in einem Handgemenge aus, weil Dick auftauchte.
„Was treibt ihr denn hier?“ fragte er unfreundlich.
Christy wandte den Kopf ab, griff sich an die Stirn und schloss die Augen. Er wurde ganz grau im Gesicht. Pol sah ihn von unten mit gerunzelter Stirn an, wischte sich abwesend das letzte Blut unter der Nase weg. Er machte sich Sorgen deswegen, vor allem, weil Christy nicht mehr zu atmen schien. Er ignorierte Dick, der wieder wissen wollte, was los sei, musterte Christy vorsichtig, bis sein Aussehen sich wieder normalisierte.
„Bist du Okay?“ fragte er und Christy nickte.
„Was sind das, Kopfschmerzen?“
„Kleine Spannungsattacken, hat nichts zu bedeuten. Das ist mein Tick, wie andere Leute ständig blinzeln.“
Dick stand unschlüssig herum, nachdem er anhaltend ignoriert wurde, drehte sich schließlich um und ging wieder an die Arbeit, was Pol und Christy nicht einmal bemerkten.
Sie pickten weiter Schnecken ab, Pol zog immer wieder die Nase hoch und spuckte das Blut neben sich ins Beet und sie diskutierten darüber, wie manche Leute Schnecken essen konnten. Ob sie nur die im Häuschen aßen oder alle anderen auch?
Christy hielt sich eines der Weichtiere vor die Nase und beobachtete schielend, wie die Fühler langsam wieder ausfuhren und herumtasteten.
„Ich weiß gar nicht, wie die zubereitet werden“, sagte er, drehte die Schnecke hin und her, „schmeißen die die mit etwas Öl in die Pfanne? Machen die vorher die Fühler ab? Oder werden die gehäutet?“
„Ich weiß, wen wir fragen könnten“, meinte Pol eifrig, „den Chef der Küche.“
Christy warf die Schnecke zu den anderen. „Der wird dir was husten. Ich hab gestern mitgekriegt, wie er einen seiner Lehrlinge runtergemacht hat. Es ging um irgendeine Sauce, in die er irgendein Gewürz reingetan hat. Gott, der hat sich aufgeregt. Ich dachte, er würde Gavin umbringen.“
Nachdem der Regen nachgelassen hatte, holte Pol den Rasenmäher und brachte ihn in die Werkstatt zurück, behauptete, der Motor würde ständig ausgehen. Um nicht als Idiot dazustehen, hatte er eine handvoll Schnecken in den Tank geworfen. Er kam zurück ins Gewächshaus und Christy war verschwunden.
Um bei den Vorbereitungen fürs Abendbuffet zu helfen, wurde er in die Küche geholt, ein Hilfskoch schnauzte ihn an, er solle sich den dreckigen Pulli ausziehen und sich die Hände waschen.
Er hatte noch immer zwei Schnecken in der Hosentasche und die schmuggelte er auf eine fertige Salatplatte, versuchte sich die Gesichter der Gäste vorzustellen, wenn sie die Jungs auf der Gabel hatten. Am Abend erzählte er Christy flüsternd davon und sie bekamen Bauchschmerzen vom unterdrückten Lachen.

„Wo hast du die Narbe am Hals her?“ wollte Pol wissen.
Sie waren beim morgendlichen Rasieren und Zähneputzen, es war Mittwoch und somit war der Freitag, an dem es Geld gab, fast in greifbarer Nähe. Jeder für sich allein hätte Nidd Hall längst verlassen, aber gemeinsam hielten sie es durch.
Christy hob das Kinn an und fuhr mit dem Zeigefinger die rote Narbe entlang, grinste und begann zu erzählen, was passiert war. Pol konnte es ihm an den Augen ansehen, dass er nicht die Wahrheit sagte. Ihm war es egal, weshalb Christy log und was er auf dem Kerbholz hatte, vielleicht tat er es nur, weil er befürchtete, Pol könnte ihm die Freundschaft kündigen. Christys Geschichte vom Motorradunfall quittierte er mit einem „Was für ne Scheiße“ und sie trennten sich auf dem Weg zur Arbeit.
Nach Jimmys Attacke beachtete Pol kein Mädchen mehr, gab sich wirklich Mühe, den Hintern nicht mehr hinterher zu sehen und ging auch Jimmy aus dem Weg. Jimmy hatte sich offensichtlich von seinem Mädchen beruhigen lassen, oder Christys Attacke hatte ihm die Lust genommen, jedenfalls versuchte er es nicht noch mal.
Jimmy allerdings konnte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen, dass ein dummes irisches Fliegengewicht ihn umgehauen hatte und seine ganze wütende Aufmerksamkeit galt Christy. Er wartete nur auf eine passende Gelegenheit, um ihn allein zu erwischen.
Pol grub ein neues Gemüsebeet um, hatte sich dafür eine Stelle ausgesucht, wo der Boden feucht war und nicht zu viel Sonne abbekam, legte zwölf schnurgerade Furchen an, in der er Mutterkartoffeln setzte, die er von Gavin bekommen hatte. Es war eine besondere Kartoffelsorte, die sehr viel besser schmeckte, in der Region aber offenbar nicht sehr bekannt war. Gavin, ein heller Kopf aus Gwynedd, Wales, zeigte ehrliches Interesse und versprach, sich im Herbst um die Ernte zu kümmern.
„Da wirst du ja wohl nicht mehr hier sein“, mutmaßte er.
„Bestimmt nicht“, sagte Pol, „es sei denn, ich sterbe hier und ihr verscharrt mich heimlich.“
Gavin lief zurück in die Küche, flüchtete förmlich vor den Schotten, die Zigarette rauchend um die Ecke geschlendert kamen, während Pol die Furchen ausbesserte und vorsichtig wässerte. Dick, Jimmy und Tony standen herum wie die Three Stooges, die sich Pol und Brendan mit Begeisterung als Kinder angesehen hatten, machten hämische Bemerkungen über Kartoffen, Iren und Lazy Beds, dem Kartoffelacker.
Pol behielt jede Erwiderung für sich, obwohl er richtig wütend wurde. Er biss sich auf die Zunge, bis es weh tat.
„Wo ist denn dein Kumpel?“ rief Jimmy und auch darauf antwortete er nicht.

Jimmy versuchte immer wieder, Christy allein zu erwischen, was ihm aber auch in den nächsten zwei Wochen nicht gelang, denn Christy war ständig von anderen Arbeitern umgeben, mit denen er am See beschäftigt war. Er wurde ungeduldig und er wollte nicht noch länger warten, nur um dann vielleicht festzustellen, dass der Ire den Job geschmissen hatte und verschwunden war, also bat er ein paar seiner Freunde um einen Gefallen und gemeinsam sorgten sie dafür, dass die anderen Arbeiter vom Badesee abgezogen wurden. Christy blieb allein zurück.
Der Morgen war trocken und warm, es schien ein schöner Tag zu werden, auch wenn es für ihn hieß, wieder die ganze Zeit nasse Füße zu haben. Obwohl er diesen See niemals perfekt hinkriegen würde, hatte er den Ehrgeiz entwickelt, seine Sache so gut wie nur möglich zu machen. Der Steg, der einige Meter in das zunächst seichte, dann tiefe Wasser reichte, ihn wieder aufbauen zu dürfen. Das war Zimmermannarbeit und etwas anderes, als nur Zwei-Meter-Unkraut zu zupfen. Die Polen hatten den Kiesstrand gesäubert, der den See zu einem Drittel umgab, aber das Unkraut und die Disteln kamen bereits Stunden später wieder durch die losen Steine. Christy überlegte, den Kies abzutragen und den Untergrund zu erneuern. Nur der Gedanke, dass sie es ihm sowieso nicht erlauben würden, hielt ihn davon ab, nachzufragen.
Er trug eine Baseballkappe gegen die Sonne, starrte auf das flackernde Wasser und drehte sich nichts ahnend um, als er im Kies Schritte hinter sich hörte. Jimmy packte ihn ohne eine Vorwarnung oder Erklärung, brachte ihn zu Fall und setzte sich auf seinen Brustkorb. Er lag mit seiner rechten Hälfte bereits im Wasser und hoffte, dass Jimmy nicht auf die Idee käme, ihm das Gesicht in den See zu drücken. Er wehrte sich nicht, dazu war es zu spät, er war eingeklemmt zwischen Jimmys Schenkeln.
„Was sagst du jetzt, du Kleeblattarschloch?“ fragte Jimmy, „du hättest dir überlegen sollen, mit wem du dich anlegst.“
Er war noch immer frustriert und gedemütigt, nicht wirklich wütend, das würde er erst werden, wenn Christy sich zu wehren versuchte. Wenige Meter neben ihnen lagen eine Heckenschere und andere Gartengeräte im Gras, mit denen Christy gearbeitet hatte, aber es war für ihn unmöglich, an sie heranzureichen. Er blinzelte zu Jimmy hinauf, konnte wegen einer weiteren plötzlichen Attacke in seinem Kopf das linke Auge nicht mehr öffnen, sagte mühsam: „Ist schon in Ordnung, Jimmy. Ich hab nur verhindert, dass du meinen Kumpel verprügelst.“
„Und dafür“, erwiderte Jimmy grinsend, „bist du jetzt dran.“

Flucht nach Irland
Pol fand es seltsam, dass Christy zum Essen nicht aufgetaucht war. Er hatte eine Stunde auf ihn gewartet, sein Sandwich gegessen und war ihn dann suchen gegangen, im Schlafraum, im Gemeinschaftsraum, wo aber nur Waldo hockte und in einem Comic las. Pol sah sich um und fragte, ob er Christy gesehen habe.
„Den ganzen Tag noch nicht“, sagte Waldo.
„Wo steckt er? Die werden ihn doch nicht irgendeinen Scheißjob aufgedrückt haben, oder?“
Er wanderte vor die Tür, zog sich in der Sonne den dicken Pullover aus und band ihn sich um die Hüften. Irgendwann musste Christy ja wieder auftauchen. Er setzte sich auf die Stufen des Eingangs zum Angestelltenhauses und wartete. Jeden, der vorbeikam, fragte er nach Christy, aber niemand schien ihn gesehen zu haben. So rauchte er eine Zigarette nach der anderen, ließ die Asche zwischen seine Füße rieseln. Er hatte ein ganz dummes Gefühl bei der Sache.
Wie elektrisiert sprang er auf und rannte dem Wagen hinterher, der oben in der Auffahrt erschienen war. Der Krankenwagen erregte mehr Aufmerksamkeit, als es der Hotelleitung lieb sein konnte, aber verhindern konnten sie es nicht. Gäste blieben stehen, starrten aus den Fenstern und die Angestellten kamen aus allen Löchern, um zu sehen, was passiert war. Es war schon beinahe Panik, die in Pol hochstieg. Seltsamerweise war sein erster Gedanke: Kieran ist was passiert! begriff dann aber, dass er im falschen Film war. Vielleicht hatte nur irgendjemand eine Blinddarmreizung.
Er drückte sich durch die Reihe Schaulustiger, die sich vor dem Haupteingang versammelt hatten. Es wurde eine Menge geredet, aber als Pol sich bei jemanden erkundigen wollte, was passiert war, entdeckte er Christy auf der anderen Seite. Er war nass bis auf die Knochen, sah verängstigt aus und hielt sich im Hintergrund. Er verschwand blitzschnell aus Pols Blick, als zwei Sanitäter eine Trage aus der Hotellobby trugen. Jimmy war nicht tot, nur sehr blass im Gesicht und beide Arme waren bis an die Ellebogen dick bandagiert.
Vor Pol sagte ein Kellner zu seinem Kollegen: „Sie haben ihn auf dem Rasen beim Labyrinth gefunden. Hat sich irgendwie beide Arme gebrochen.“
„Wie hat er denn das gemacht?“
„Vielleicht ist er irgendwo runter gefallen.“
„Klar – runter gefallen. Draußen auf den Beeten. Lächerlich.“
„Irgendwie wird er’s ja geschafft haben.“
Pol konnte sich das ‚irgendwie’ gut vorstellen, nachdem Christy sich so heimlich verdrückt hatte. Jimmy wurde in den Krankenwagen gehoben und davongefahren, im Schritttempo und ohne Blaulicht. Für Alarm waren seine Verletzungen nicht schwer genug.
Die Gruppe, die sich gebildet hatte, löste sich langsam wieder auf. Pol fand Christy im Schlafraum.
Er stand vor dem geöffneten Schrank, warf seine getragenen und sauberen Sachen in den Rucksack, der zwischen seinen Füßen stand. Seine Hände und Unterarme waren blutig gekratzt und zerschrammt, als habe er Rosenbüsche gepflückt. Pol brauchte nicht zu fragen, was er da machte, das war offensichtlich.
„Ich verschwinde“, sagte Christy, „bevor Jimmy allen erzählt, was passiert ist, will ich möglichst weit weg sein.“
„Er hat dich doch angegriffen, oder? Genauso wie mich vorher.“
Christy hatte alles eingepackt, zog den Rucksack zu und steckte die privaten Dinge, die er auf dem Bett herumliegen hatte, in seine Jackentaschen. Er war noch immer nass, sein Haar tropfte und er wischte sich über das Gesicht, bemerkte da erst, wie seine Arme aussahen.
„Er hat mich am Badesee überfallen“, sagte er, „konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass er verloren hat. Ich hätte mich verprügeln lassen sollen, dann wär alles in Ordnung.“
„Wie hast du ihm die Arme gebrochen?“ fragte Pol mit echtem Interesse.
„Das war viel zu einfach“, flüsterte Christy, „es ist immer viel zu einfach. Ich gerate in Panik und dann passiert es. Es geht nicht um die verdammten gebrochenen Arme, Pol, ich hätte ihn fast umgebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass mir so was passiert, wenn ich Panik kriege.“
Christy war unglaublich müde, seine Beine und Arme wurden immer schwerer, dass er sich kaum noch bewegen konnte, aber diese Müdigkeit kam aus seinem Kopf. Er sah sich um und sagte schwach grinsend: „Ich hab immer das Gefühl, irgendwas liegen zu lassen.“
Er hatte fertig gepackt, setzte sich mit zitternden Knien auf das Bett, sah mühsam und unsicher auf, als Pol sagte: „Kannst du noch fünf Minuten warten?“
„Wieso?“
„Ich geh mit. Was dachtest du denn?“
„Du weißt doch gar nicht, wo ich hin will.“
Pol wühlte bereits in seinen Klamotten, drehte sich grinsend zu ihm herum. „Ich weiß, wo ich hin will, es reicht, wenn einer das Ziel kennt.“
„Du weißt nicht, worauf du dich einlässt.“
Da mochte was Wahres dran sein, aber Christy war unglücklich und todmüde und was konnte da noch für eine Gefahr von ihm ausgehen.
„Es kann nicht schlimmer sein als ein Bruder, der ein Provo ist.“
Christy lachte abgehackt und klang dabei so verzweifelt, dass Pol sich schon für seinen Spruch entschuldigen wollte; sie sahen sich einen Augenblick lang an und kamen stumm überein, dass es das beste war, auf diesen Wochenlohn zu verzichten und sofort abzuhauen.
„Es ist schlimmer“, sagte Christy, „aber ich erzähl dir erst davon, wenn wir hier raus sind.“
Sie hatten beide ein vollkommen unnötiges Gefühl, dass sie aus einer Anstalt flohen und dass man versuchen würde, sie zurückzuholen.
„Vielleicht stellen sie uns noch irgendwas in Rechnung und lassen uns von der Polizei suchen“, mutmaßte Pol auf der Zufahrtsstraße, als sie das Haus längst hinter sich gelassen hatten, er sich immer wieder umdrehte. Christy sagte: „Wen sollen sie denn suchen lassen, wo sie nicht mal meine richtige Adresse haben.“
Pol platzte heraus: „Du hast doch nicht etwa auch ’ne erfundene Adresse angegeben?“
„Was denkst du denn. Wenn wir überall nur Paddy heißen, wohnen wir auch alle in der Bog Street.“
Pol bekam vor Lachen Seitenstiche und konnte mit Christy kaum noch mithalten, der unbedingt diese Gegend hinter sich bringen wollte. Sie fuhren weite Strecken per Anhalter, spielten dabei wieder ihr Schottenslang-Spiel. Bei einem Autofahrer probierten sie einen schnell einstudierten holländischen Akzent und der Mann hielt sie für Rucksacktouristen und schwärmte ihnen in höchsten Tönen etwas von den Highlands vor.
Sie schliefen in einem Überlandbus und während der Fahrt zur Küste erzählte Christy endlich, was er getan hatte. Er schilderte es in leisen Worten, sie hockten zusammengedrängt und mit gesenkten Köpfen in der engen Sitzreihe.
„Ich würde dir das eigentlich nicht erzählen, weil ich es noch niemandem erzählt habe. Damit geht man nicht hausieren. Ich hab es gemacht, um mich freizukaufen, zumindest am Anfang, danach hab ich einfach den Absprung nicht mehr geschafft. Nach dieser Sache kann ich niemandem zu Hause in die Augen sehen, weil ich immer daran denken muss, ob sie Verwandte haben, mit denen ich zu tun hatte.“
Lange war Pol wie vor den Kopf geschlagen, er konnte es nicht verstehen und war vollkommen ahnungslos, wie er auf Christys Beichte reagieren sollte.
„Scheiße“, flüsterte er, „niemand aus unserer Gegend könnte entschuldigen, was du getan hast, aber ich bin auf die Schweine, die dich dazu gezwungen haben, noch wütender. Du warst ja noch nicht mal neunzehn.“
„Ich kann das mit dem Alter nicht entschuldigen.“
Der Bus hielt zum tanken und der Fahrer plauderte ewig mit dem Mädchen hinter der Kasse, aber niemand protestierte deswegen. Die Passagiere ließen sich an einer Hand abzählen und sie versuchten alle nur zu schlafen.
Ein alter Mann, der seinen Enkel auf dem Schoß hielt und selbst dabei keinen Schlaf fand, starrte hinaus aus dem Fenster, wo die dunkle unwirkliche Landschaft vorbeizog. Er sah immer wieder zu Pol und Christy hinüber, neugierig, weswegen einer von ihnen zu weinen begann.
Pol bemühte sich, Christy wieder aufzubauen, aber was er auch sagte, nichts schien genug zu sein und deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm hoch und heilig zu versprechen, ein Auge auf ihn zu haben.
„Ich besorg uns gute Jobs“, sagte er verschwörerisch, „ich hab ja schon ewig nichts anderes gemacht. Es wird alles gut laufen.“
„Solange du nicht vor hast, mich mit nach Hause zu nehmen.“
Wie könnte ich das, dachte Pol, wenn Kieran erfährt, was du getan hast, bringt er dich sofort um.
Sie konnten nicht mehr schlafen in den engen harten Sitzen und so warteten sie nur darauf, dass die Zeit verging und sie endlich in Stranraer ankamen.
Der Busfahrer war die letzten Meilen wie eine gesenkte Sau gefahren, war trotzdem zwei Stunden zu spät. Am Hafen angekommen, öffnete er nur die Ladeklappe, hinter der die Koffer und Taschen verstaut waren und verschwand selbst im Büro der Busgesellschaft, ohne sich weiter um seine müden Gäste zu kümmern.
Pol holte die Tickets für die Fähre und wagte es kaum zu sagen, dass sie fast sechs Stunden warten mussten. Christy saß im Warteraum der Bushaltestelle, drehte sich eine Zigarette aus den Resten des Tabaks, den er noch hatte zusammenkratzen können. Als Pol sich zu ihm setzte und mit den Tickets wedelte, rauchte er und kaute gleichzeitig Kaugummi.
„Alles auf deine Verantwortung, Pol. Und erzähl mir was von deiner Familie. Ich bin in der richtigen Stimmung, mir was davon anzuhören.“

Brendan und Lilian hatten sich Nachmittags in einem Schnellrestaurant getroffen, eine Kleinigkeit gegessen und waren dann ins Kino gegangen. Von dem Film hatten sie beide nicht viel mitbekommen, waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Nach der Vorstellung brauchte Lilian fast zehn Minuten, um auf der Damentoilette ihr Make-up wieder herzurichten. Das Mädchen neben ihr grinste sie viel sagend an.
„Worum ging’s in dem Film?“ fragte Lilian.
„Du warst doch auch in der Vorstellung.“
„Ich war abgelenkt. Aber wenn ich nach Hause komme, muss ich was von dem Film erzählen können.“
Von einem Freund hatte Brendan sich ein altes Motorrad ausgeliehen und er überredete Lilian, noch ein wenig durch die Gegend zu fahren. Ihr Moped war repariert, aber Albert hatte ihr verboten, es zu benutzen. Sie war noch immer wütend deswegen.
Lilian hatte keinen Spaß bei dieser Spazierfahrt, der Fahrtwind hob ihr Sommerkleid bis über ihre Schenkel und sie war damit beschäftigt, sich das Kleid zwischen den Knien festzuklemmen. Brendan hatte irgendwann eine Hausruine ausfindig gemacht, die abseits der Straße lag und deren Räume noch soweit erhalten waren, dass man sich darin aufhalten konnte. Dort fuhr er sie jetzt hin. Lilian sah sich zaudernd um, betrachtete die Sachen, die Brendan vorbereitet hatte und fragte mit großen Augen: „Was hast du mit mir vor, Brendan?“
Sie deutete auf die Kerzen, die Decken und den Wein, den er angeschleppt hatte, willigte in einen Tanz ein, als Brendan das Radio einschaltete und sie aufforderte.
Sie verbrachten Stunden in dem alten Haus, schliefen nicht das erste Mal miteinander, aber zum ersten Mal mussten sie nicht fürchten, entdeckt zu werden.
„Ich kann’s kaum erwarten, dass ich endlich mit der Schule fertig bin“, sagte Lilian , schon etwas angesäuselt vom Wein, „ich werde mir einen Job suchen und von zu Hause ausziehen. Jedes kleine Zimmer zur Untermiete wäre besser, als weiter mit dieser Familie unter einem Dach zu leben. Stell dir das mal vor – wir könnten uns treffen, wann wir wollten.“
Lilian sah halb an- und halb ausgezogen absolut zum anbeißen aus, hatte sich die Decke von den Beinen gestrampelt und Brendan, der neben ihr lag, strich ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Er musste sie immer wieder berühren, wenn sie ihm so nahe war, er konnte einfach nicht anders.
Er versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie eine eigene Wohnung hatte aber in seiner Vorstellung sah das ganze schon etwas anders aus und es rutschte ihm unvorsichtigerweise heraus: „Wenn du von zu Hause ausziehst, glaubst du wirklich, dass dein Bruder uns in Ruhe lässt? Er verfolgt dich doch jetzt auch schon auf Schritt und Tritt.“
Das wollte Lilian natürlich nicht hören. Sie raffte das Kleid um sich zusammen, stand abrupt auf und lief auf nackten Füßen aus dem Zimmer, ignorierte es, dass Brendan ihr nachrief, sie solle wegen der Steine aufpassen. Lautlos und auf Zehenspitzen lief sie vor die Tür, fand sich inmitten von Farnkraut und Knöterich wieder, über sich die hohen ausladenden Bäume und sie starrte zu ihnen hinauf, breitete die Arme aus und schob dabei die Träger ihres Kleides wieder über die Schultern.
Lass es einmal unkompliziert sein, betete sie, lass es doch nur einmal ganz leicht gehen und einfach. Ich möchte mit ihm zusammenbleiben und alles andere ist mir egal.
Sie legte den Kopf in den Nacken, begann sich zu drehen, bis ihr schwindelig wurde. Sie dachte, sie müsste wütend werden auf Brendan, weil er so verdammt erwachsen und nüchtern tat und sich nicht einfach mal in eine andere Welt denken konnte, aber sie musste sich eingestehen, dass er recht hatte.
Natürlich würde Albert sie niemals von der Leine lassen, es sei denn, sie heiratete jemanden, mit dem die Familie einverstanden war. Wie oft hatte sie sich die Geschichten anhören müssen; die haben keinen Sinn für Ordnung. Sie arbeiten nicht. Sie misshandeln ihre Kinder. Sie lassen die Häuser, die wir ihnen vermieten, verkommen. Und sie alle sind potentielle Terroristen.
Schwankend blieb sie stehen, dachte an dieses Versteck im Wald und wie herrlich es sein konnte, sich hier unbemerkt treffen zu können. Lilian fuhr herum, als Brendan sie vorsichtig ansprach, ihre Weingläser in den Händen und Spinnweben im Haar. Ebenso wie sie war er nur halb angezogen.
„Lil?“ sagte er, legte den Kopf zur Seite, „kommst du wieder rein oder beschwörst du da irgendeinen Waldgeist?“
„Könnte ich das?“
„Ich seh sie schon auf der Lauer liegen.“
Sie kicherte, hob ihren Rock mit zwei Fingern und ließ ihr nacktes festes Hinterteil aufblitzen. Es reichte ihr das Weinglas, sie trank den letzten Schluck wie Wasser und sie gingen ins Haus zurück. Nach einer weiteren Flasche Wein schafften sie es schließlich beide, sich vorzustellen, wie es sich ein einer neutralen Zone leben würde. Abseits von irisch – britisch, katholisch – protestantisch.
Sie blieben über Stunden verschwunden.
Die Zeit ging rasend schnell um, und als sie sich endlich aufrafften, um die Sachen auf dem Motorrad zu verstauen, verging noch mal eine Stunde. Wie immer setzte Brendan Lilian auf der Straße ab, fuhr weiter nach Pettigoe.
An dem Land, das Tom O’Neill gehörte, sah er eine Touristengruppe auf Ponys wild durcheinander reiten, er hielt das Motorrad an, als er sah, dass ein Mann von dem sturen Pony über den Hals nach unten gezogen wurde und im Gras landete. Der Tinker machte einen Schritt zur Seite, höflich genug, nicht auf ihn drauf zu treten und begann friedlich zu grasen, während der Reiter sich für die nächste Runde aufrappelte. Brendan winkte freundlich über die Hecke und rief dem Mann zu: „Wenn der Gaul so was noch mal versucht, treten sie ihm in die Rippen.“
„Ich mach das nur, um meiner Tochter einen Gefallen zu tun“, antwortete der Mann, „das ist ja schlimmer als die Klettertour letztes Jahr.“
Er stieg unbeholfen auf, zog dem gefleckten Pony den Kopf hoch und drehte ihn in Richtung der Gruppe, die längst von ihm wegtrabte und versuchte hinterherzukommen. Als der Tinker seinen Trick erneut versuchte, trat der Mann ihm mit Anlauf die Absätze in die Rippen und er holperte im Trappelgalopp der Gruppe nach.
Brendan warf das Motorrad wieder an, hatte versprochen, es Dermot so schnell wie möglich zurückzubringen. Bis auf Paddy war niemand zu Hause, das ersparte Brendan lange Erklärungen, wo er mit dem Motorrad des Nachbarn gewesen war.
Weil er sonst nichts für ihn zu tun gab, ging er schlafen. Er zog sich aus, steckte gegen das Tageslicht den Kopf zwischen zwei Kissen.

Obwohl niemand Darren gegenüber etwas erwähnte, bemerkte er am Verhalten seiner Eltern, dass etwas nicht in Ordnung war und um dieser unangenehmen Stimmung zu entgehen, verschwand er die meiste Zeit des Tages zu Tom hinüber. Er vermutete, dass sein Daid wieder nach Baile Átha Cliath musste, das konnte eine Erklärung dafür sein, dass sich alles so komisch benahmen. Wenn er bei Tadhg war, konnte er das alles vergessen. Seit Tom das Pony nicht mehr von den Touristen reiten ließ, konnte er den ganzen Tag mit ihm verbringen. Manchmal saß er einfach bei ihm auf der Weide, oder er putzte ihn mit solcher Hingabe, dass kein Staubkörnchen mehr in dem grauen Fell zu finden war. Er schaffte es mit viel Geduld, Tadhg das Stillstehen beizubringen, während er ihm die Beine mit kaltem Wasser abspritzte.
Tom gab ihm einen alten Jagdsattel, den er benutzen durfte, wenn er Tadhg reiten wollte und obwohl er ihm immer wieder sagte, er solle auf dem Gelände bleiben, war die Versuchung für Darren zu groß – er stellte sich vor, er sei ein großer berühmter Steeplechase-Jockey mit seinem Champ Tadhg und nach einem Sprung über die Mauer, die das Pony mittlerweile im Halbschlaf nahm, galoppierte er die Feldwege rauf und runter, bis er sich fast nicht mehr im Sattel halten konnte. Nach diesen halsbrecherischen Galoppstrecken ließ er Tadhg im Schritt nach Hause trotten, winkte den Nachbarn in ihren Vorgärten zu und träumte davon, ein Renndress zu Weihnachten zu bekommen. Das Problem war nur, dass seine Eltern nicht einmal wussten, dass er überhaupt reiten lernte.
Er kam zurück auf den Hof, ließ Tadhg in seine Box, wo er ihm Heu und ein paar Möhren gab. Laoise rief ihn in die Küche und machte ihm ein dick belegtes Sandwich, ließ sich bei ihm, da er nicht widersprechen würde, darüber aus, dass ihr Vater ein alter Sturkopf sei, dem diese Touristensache noch mal den Hals brechen würde. Er grinste darüber nur, wo Tom O’Neill doch sein erklärter Held war, an direkter zweiter Stelle nach seinem Dad. Erst, als es langsam dunkel wurde, machte er sich über die Felder auf den Heimweg. Nach dem Essen spielte Brendan mit ihm Mühle und Dame, bis er am Küchentisch fast einschlief und von seinem Onkel ins Bett getragen wurde. Moira nutzte das letzte heiße Wasser zum Haare waschen und saß mit einem Handtuchturban vor dem Fernseher, wo der Empfang so schlecht war, dass sie nur Schnee und einen undeutlichen Ton reinkriegten. Kieran saß bei ihr, aber seine nervöse Unruhe zeigte, dass er an diesem Abend noch etwas vor hatte. Sie sah in den Schnee, der in dem TV-Gerät gefangen war, wagte nicht zu fragen, wo es ihn noch hinziehen würde. Er machte nicht den Eindruck, als wolle er nur ins Ryan’s auf ein paar Pints. Wie es typisch für ihn war, stand er irgendwann auf, beugte sich zu einem Kuss zu ihr herunter und sagte, dass er noch etwas vor habe und sie solle nicht auf ihn warten.

Sie versuchten noch immer, die Straßenrowdys zu erwischen, die dazu übergegangen waren, Rinder und Schafe von ihren Weiden zu treiben und sie durch die Gegend zu hetzen, wenn sie keine anderen Opfer zu fassen bekamen.
„So geht das nicht weiter“, sagte Kieran und Michael, der bei ihm im Wagen saß, erwiderte, dass es fast schon so weit sei, dass man Hilfe aus einem anderen Command anfordern müsse.
„Das kriegen wir allein in den Griff. Wo haben wir das letzte mal gestanden?“
Sie parkten den Wagen hinter einer Hecke, von wo aus sie ein gutes Stück der dunklen Straße überblicken konnte. Sollte der Wagen der Unruhestifter nicht gerade unbeleuchtet fahren, würden sie ihn schon von weitem sehen.
„Was von Pol gehört?“ fragte Michael.
„Keinen Ton. Entweder ist er total abgebrannt, dass er die nächsten Monate nicht zurückkommt, oder es gefällt ihm so gut, dass er überlegt da zu bleiben.“
„Dann wird er ja wohl Brendan zu sich holen, oder?“
„Hoffe ich doch“, brummte Kieran.
Sie saßen stundenlang in dem abgestellten Wagen, ohne dass sich etwas tat – ein paar verirrte Schafe trabten vorbei und verschwanden wieder, aber es kam kein einziges Auto vorbei. Sie unterhielten sich eine Weile, dann saßen sie nur noch schweigend nebeneinander und sahen die Straße hinunter. Michael war es schließlich, der die Aktion abbrach, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Auf dem Heimweg kam ihnen kein Fahrzeug entgegen, aber ein Hubschrauber flog über ihre Köpfe hinweg.

Auf der Fähre, die mit reichlich Verspätung ablegte, schlief Christy sofort ein. Er packte sich dazu quer auf eine Sitzgruppe des Hauptdeckes. Sein Kopf kippte auf der Armlehne nach hinten und er schnarchte so laut, dass sich ein paar Kinder kichernd um ihn versammelten, sich aber nicht näher als auf Armeslänge an ihn heran wagten. Pol saß mit unterschlagenen Beinen neben ihm, blätterte durch die irische Tageszeitung, die er am Kiosk gekauft hatte, munterte die Kinder mit Gesten dazu auf, Christy mit den Zeigefingern anzustupsen, aber sie wagten sich nicht ran. Es lag nicht an dem furchtbaren Geschnarche, dass sie so zurückhaltend waren, es war die frische Narbe an seinem Hals, die er im Schlaf entblößt hatte. In den Augen der Kinder war die Narbe wirklich gruselig, weil sie an seinem Hals so fremdartig aussah. Sie waren noch zu klein, um sich Gedanken darüber zu machen, wer ihn so verletzt haben könnte.
Eines der jüngeren Kinder mit der typischen irischen Kleinjungenfrisur, kurz geschoren mit Ponyfransen, wagte sich Zentimeter für Zentimeter an Christys Beine heran, streckte die Hand aus und beugte sich immer weiter nach vorn, bis seine Fingerspitzen Christys Knie berührten. Er wurde so mutig, dass er mit der flachen Hand auf das Knie schlug und sich sofort auf den Hosenboden setzte, als Christy mit einem röhrenden Laut hochschnellte. Ihm blieb vor Schreck fast das Gesicht stehen, während die anderen Kinder hysterisch kreischend das Weite suchten.
Christy sah verwirrt aus, konnte sich weder an sein Schnarchen noch an seinen Brüller beim aufwachen erinnern, starrte den Jungen an, der mit offenem Mund vor ihm saß und sich noch immer nicht entscheiden konnte, ob er losheulen sollte oder nicht.
„Was?“ fragte Christy, drehte sich zu Pol um, der nur mit der Zeitung wedelte. Als er den Jungen wieder ansah, hob er die Hände, die Finger zu Klauen gekrümmt und machte „Buh.“ Der Junge begann lauthals zu lachen, wie nur Kinder lachen können, ließ sich hinten überfallen und strampelte mit den Füßen, konnte gar nicht mehr aufhören, woraufhin Christy noch mehr verwirrte Blicke um sich warf.
„Du hast echt kranke Geräusche von dir gegeben“, sagte Pol.
Sie grinsten freundlich und entschuldigend, als die Mutter ihren Jungen vom Boden hochzog, am Arm gepackt hielt und ihn mit sich zog. Sie war eine überforderte junge Frau in schlabberigen Hosen und mit strähnigem Haar, die auf der anderen Seite des Raumes den Jungen zur Ruhe brachte und ihm einen Lolli zusteckte. Obwohl sie recht ruppig mit dem Jungen umging, hatte sie stets ein Auge auf ihn und war dann wieder liebevoll mit ihm, zog ihm die Ärmel des zu großen Pullis zurecht, strich ihm das Haar glatt. Sah sie einmal zur Seite, um sich eine Zigarette anzustecken, nutzte der Bengel sofort die Gelegenheit, um das Weite zu suchen, beleidigt darüber, dass seine Mutter ständig an ihm herummeckerte. Seine Diskussion mit ihr war auf dem ganzen Deck zu hören.
„Ich geh jetzt weg von dir, damit du mich nicht mehr ärgern tust.“ Das war seine trotzige Stimme.
„Dann kriegst du auch nichts zu trinken.“ Resignierend die Mutter.
„Ich will auch gar nichts mehr.“
Inzwischen war er fast wieder außer Sichtweite.
„Bleib in der Nähe.“
„Was?“
„Wie bitte heißt das.“
„Wie bitte?“
„Bleib in der Nähe!“
„Hehe“, schrie er, nachdem er hingefallen und wieder aufgestanden war, „meine Hände sind ganz dreckig.“
„Wisch sie nicht an den Hosen ab.“
„Was?“
„Wie bitte...“
„Wie bitte?“
„Komm endlich her.“
„Ich hab Durst“, quäkte er.

Christy konnte nicht mehr schlafen, wanderte umher und versuchte durch die Scheiben hindurch etwas von Meer zu sehen. Sie wanderten eine Etage tiefer, wo man in den Shops einkaufen konnte, setzten sich vor einen Spielautomaten und forderten ihr Glück heraus. Vielleicht reichte das Geld dann endlich für eine Flasche Rum. Als daraus dann doch nichts wurde, kaufte Pol ein paar Dosen Guinness, die sie in christlicher Todesverachtung tranken und Christy sagte, dass er noch immer Probleme damit habe, nach Eire zurückzukehren und dass er es allein niemals gewagt hätte.
„Mit dir ist es was anderes“, sagte er, „in deiner Begleitung muss ich nicht ständig daran denken, was passiert ist.“
Dafür muss ich ständig dran denken, dachte Pol.
An den Spielautomaten kehrten sie nicht zurück, weil er zu viel von ihrem Geld geschluckt hatte, dafür setzten sie sich in die muffige Sesselreihe der Bar. Obwohl Christy entspannt aussah, machte er in unbeobachteten Momenten einen so dünnhäutigen Eindruck, dass Pol vorsichtig mit ihm umzugehen versuchte. Nach dem Dosenbier rülpsten sie um die Wette, kamen für den Rest der Überfahrt nicht mehr von ihren Plätzen hoch. Einige hübsche Mädchen liefen an ihnen vorbei, aber weder Pol noch Christy wurden von ihnen beachtet, obwohl sie das rollende Rülpsen einstellten, wenn die Mädchen vorbeikamen.
„Wir sind unsichtbar“, flüsterte Christy in die Dose hinein, „wir könnten uns nackt ausziehen und herumtanzen, es würde niemandem auffallen.“
„Ich mach mit, wenn du anfängst.“
Am frühen Morgen legte die Fähre in Belfast an, sie wurden an Land gedrängt. Sie hatten es nicht eilig und keine Ahnung, was sie mit sich anfangen sollten. Die Pubs hatten schon lange geschlossen und für die Unterkunft in einem B&B hatten sie kein Geld mehr. Ein Mädchen, das klapperdürr und drogensüchtig aussah, sprach sie am Anleger an, an dem sie herumsaßen, und sagte, sie könnten mit ihr mitkommen. Während sie müde und schleppend sprach, fingerte sie unablässig an ihren Haarsträhnen herum, die sie in hässlichen Röttönen gefärbt hatte.
„Wir sollten nicht mit ihr mitgehen“, zischte Pol, aber sie taten es doch und landeten in einer Kifferwohngemeinschaft, deren übrigen Mitglieder nicht einmal bemerkten, dass sie zwei weitere Gäste hatten.

Kieran las die Tageszeitung, die Moira zum Frühstück mitbrachte nur wegen der Regionalnachrichten. Alles, was dort über die IRA geschrieben wurde, interessierte ihn nicht wirklich, denn wenn er Informationen brauchte, bekam er sie aus erster Hand. Die Zeitungen waren nur eine Art Stimmungsbarometer, das er im Auge behielt.
Er las, dass in der Nähe von Baile Átha Cliath ein Waffenlager ausgehoben worden war. Wegen seiner eigenen geheimen Lager, die er in den Jahren angelegt hatte, machte er sich keine Gedanken. Die Zeitung behauptete, es seien an die hundert moderne Feuerwaffen beschlagnahmt worden, er vermutete aber eher, dass sie ein altes Lager aus den Vierzigern ausgehoben und es der Öffentlichkeit als erfolgreichen Schlag gegen den irischen Terrorismus verkauft hatten.
Gabe, der Taxifahrer, der die meiste Zeit im Ryan’s herumhing, anstatt auf den Straßen Geld zu verdienen, traf Kieran auf dem Weg zum Pub und erzählte ihm, dass er auf der Fahrt nach Pettigoe fast ein Pony mit einem Touristen drauf auf die Kühlerhaube genommen hatte.
„Das Vieh ist in einem Affenzahn über die Straße gerast und ich konnte dem Typen in der orangen Regenjacke in die panischen Augen sehen. Er hat sich gerade noch so im Sattel gehalten und konnte weder lenken noch anhalten.“
„Einer von Toms Touristen.“
Gabe war in den letzten Monaten richtig dick und faul geworden, seit er eine Freundin hatte, die ihn von morgens bis abends bekochte. Er konnte von ihrem Essen nicht genug bekommen. Früher hatte ihm eine Tüte Pistazien gereicht, die er während der Taxifahrten essen konnte und seinen Bauch verteidigte er gegen alle Lästereien der Männer.
„Wir sollten überlegen“, sagte er, „ob es nicht sinnvoll wäre, Warnschilder aufzustellen.“
„Das würde uns niemand abkaufen, dass wir vor Touristen auf störrischen Ponys warnen.“
„Wär doch mal was neues.“
Gabe musste bei seinen Taxifahrten häufig an die Gefahren denken, die in anderen Gegenden lauerten, von denen er aber noch nie etwas persönlich mitbekommen hatte. Er war vor fünf Jahren aus Co. Wicklow gekommen, wo man sich mit solchen Konflikten nicht auseinander setzen musste. Im Ryan’s spendierte Gabe ein Pint nach dem anderen und sie sahen sich ein Rugbyspiel im Fernsehen an, quatschten dabei über dies und das, bis Howard das Telefon abnahm und Kieran den Hörer über die Theke reichte.
„Einer der Jungs“, sagte er.
Kieran hörte sich den atemlosen Bericht von Danny an und obwohl er längst nicht mehr wirklich nüchtern war, lieh er sich Gabes Taxi und fuhr auf der A35 nach Kesh, wo Danny am Ortseingang auf ihn wartete, nervös an der Zigarette zog, als wartete er vor der Kirche auf seine Braut. Er glotzte misstrauisch, als das Taxi neben ihm hielt, sprang dann erleichtert auf, als Kieran den Kopf durch das geöffnete Fenster steckte. Danny war schon als Kind eine Nervensäge gewesen, aber man konnte sich auf den Jungen verlassen. Er hatte die Schule abgeschlossen und keinen Job gefunden, also fiel es nicht weiter auf, wenn er irgendwo in der Gegend herumhing. Wie die meisten verdiente er sich sein Geld mit Nebenjobs, Kieran steckte ihm etwas zu, wenn er klamm war.
Der alte Patrick hatte aus den alten Zeiten erzählt, als während des zweiten Weltkriegs die Mittel so knapp gewesen waren, dass sein Command eine Zahlung über vierzig Pence bekommen hatte. Vierzig Pence für zwölf Mann.
Kieran ließ Danny ins Taxi steigen, stellte den Motor ab und stieg aus, um sich die Stelle an der Böschung genauer anzusehen. Ein Schwarzdornbusch war halb umgefahren, ebenso wie die Hainbuche direkt daneben. Äste waren abgebrochen und heruntergerissen, der Boden war von durchdrehenden Reifen aufgewühlt. Danny hockte auf dem Rücksitz, kurbelte das Fenster runter, was er anschließend wegen einer defekten Mechanik nicht wieder rauf bekam, und rief zu Kieran hinüber: „Da sind sie rein mit ihrem Wagen in die Hecke, haben Glück gehabt, dass sie ohne Hilfe wieder raus gekommen sind, was? Ich hab nur noch gesehen, wie sie den Schaden begutachtet haben und dann sind sie weggefahren, bevor ich sie ansprechen konnte.“
Kieran stand mit den Händen in den Hosentaschen am Graben, besah sich die Schäden, dann die nähere Umgebung und kam zurück an den Wagen.
„Wie kommst du darauf, dass sie ein zweiter Wagen abgedrängt hat?“ Er setzte sich wieder hinter das Steuer, unter den Schuhen hatte er Schlamm und Gras, das kümmerte ihn aber nicht, weil es nicht sein Auto war. Er drehte auf der schmalen Straße und fuhr zurück nach Pettigoe. Die ganze Zeit klopfte Danny mit dem Knie gegen die Rückenlehne, was Kieran etwas auf die Nerven ging.
„Ich hab ihre Gesichter gesehen. Die sahen so eingeschüchtert aus, als hätte die RUC sie beim schmuggeln erwischt. Einer von ihnen hatte ein T-Shirt an, auf dem stand ‚above us only sky’ und er hatte eine blutige Lippe. Sie haben ihm eine verpasst.“
„Er könnte auch das Lenkrad geküsst haben.“
Danny erwiderte: „Die drei sahen aus, als hätten sie sich vor Angst in die Hosen geschissen, und sie waren nicht betrunken genug, um allein in die Hecke zu sausen.“
„Halt endlich deine Knie still, Danny. Ich lass dich gleich raus und du hörst dich in den Pubs um. Du stellst niemandem dumme Fragen, verstanden? Du setzt dich mit deinem Bier an die Theke und hörst dich um.“
Kieran ließ ihn an der nächsten Ecke aussteigen und machte sich einen Spaß daraus, Danny hinterher zu rufen, er habe die Fahrt nicht bezahlt und außerdem das verdammte Fenster kaputt gemacht. Ein paar Frauen in den Vorgärten, die so furchtbar britisch aussahen, drehten sich zu Danny um, der den Kopf einzog und davontrabte.
Wir müssen diese Idioten schnappen, dachte Kieran, bevor die noch jemanden umbringen und die Bosse auf die Idee kommen, ich hätte meinen Bezirk nicht unter Kontrolle. Wenn sie einen Grund brauchen, um mich abzusägen, hätten sie damit einen.
Er brachte Gabe das Taxi zurück, ließ sich von ihm noch bis vor die Haustür fahren.
„Das nächste Mal erwischen wir sie“, sagte Kieran, „und wenn ich mich selbst an die Straße stellen muss.“
Gabe machte ein Gesicht, als müsse er persönlich verhindern, dass Kieran sich wie eine Nutte an die Straße stellte.
Moira winkte aus dem Garten herüber und Gabe war so höflich, kurz auszusteigen und ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Er lehnte sich mit den Ellebogen auf den Zaun, machte alberne Komplimente über den Gemüsegarten und legte es förmlich darauf an, zum essen eingeladen zu werden. Er hatte ständig Hunger. Moira hätte am allerwenigsten etwas dagegen gehabt, einen Teller mehr auf den Tisch zu stellen, aber Kieran machte nur eine kurze Bewegung mit den Augenbrauen und Gabe wusste, dass er sonst immer herzlich willkommen war – nur an diesem Tag nicht. Er stieg in seinen Wagen und fuhr aus dem Fenster winkend davon.
„Das war sehr unhöflich“, sagte Moira. Sie hielt Karotten und Lauch in den erdigen Händen, die abends im Eintopf beim Hammelfleisch landen würden.
„Gabe weiß schon, was los ist“, erwiderte Kieran.
„Was soll denn los sein?“
Noch immer trennte sie das Stück Gartenzaun zur Straße hin, Kieran sah an Moira vorbei zu den Bäumen hinüber. Etwas gefiel ihm dort drüben nicht, es lenkte seine Aufmerksamkeit kurz ab, bevor er Moira ansah und sagte: „Nur das übliche, Moira, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. Ist Darren schon zurück?“
„Er war nur kurz zum essen hier und ist dann wieder verschwunden.“
Die Schatten da hinten gefallen mir nicht, dachte Kieran, vergaß diesen Gedanken sofort wieder.

Mi 28. Jan 2009, 10:07

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